Bildnisse Erhard Weigels

Es sind fünf Bildnisse, vier Gemälde und ein Kupferstich, bekannt, die als Portraits Erhard Weigels gelten. Allerdings, soviel sei an dieser Stelle kurz gesagt, kann eines dieser Bilder, welches eine geraume Zeit als Weigelportrait ausgegeben worden ist und auch heute noch wird, wohl nicht als solches bestehen. Dabei handelt es sich um ein Gemälde mit dem (evtl. fiktiven?) Portraits eines Gelehrten des italienischen Malers Pietro della Vecchia (1603–1678). In seinem Buch Prekäres Wissen: Eine andere Ideengeschichte der Frühen Neuzeit, Berlin 2012, gibt Martin Mulsow eine ausführliche Argumentation dazu, dass es sich bei dem Portraitierten nicht um Erhard Weigel handeln kann. Deshalb wird hier nicht weiter auf dieses Gemälde eingegangen.

Die anderen Portraits werden hier in der Reihenfolge ihres Entstehens vorgestellt.
1655 | 1688 | 1909 | 1983

1655

Erhard Weigel, Portrait von 1655, Universität Jena
Erhard Weigel, Portrait von 1655, Universität Jena
Christian Richter | Öl auf Leinwand, 64cm x 90cm
Quelle: Wikipedia | Lizenz: Gemeinfrei

Dieses Portrait ist auf das Jahr 1655 datiert und stammt von dem deutschen Barockmaler Christian Richter (1587–1667), dessen Spezialgebiet die Portraitmalerei war und welcher als Hofmaler in Weimar wirkte. Weigel war erst zwei Jahre zuvor, 1653 von Leipzig kommend, als Professor an die Universität Jena berufen worden und hatte 1654 das Amt des Inspektors der Alumnen übernommen.

Die Umschrift des Ovals lautet „Erhardus Weigelius. M. Mathem. Prof. P. et Alumn. Inspector. Aetat. XXX. ANo. 1655.“ (dt.: „Magister Erhard Weigel, öffentlicher Professor für Mathematik, und Inspektor der Alumnen, im Alter von 30 [Jahren] im Jahre 1655“).

Beim Betrachten des Bildes gibt einem der helle kugelförmige Gegenstand Rätsel auf, den der Maler diesem Portrait als Attribut befügte. Da keinerlei Gestell erkennbar ist, kann die seit der Renaissance in Portraits und Stillleben verbreitete Darstellung eines Globus als Symbol der Gelehrsamkeit, für die Geometrie, für die Astronomie, der Geographie oder der Kartographie, die als Beigabe für den Mathematiker Erhard Weigel denkbar gewesen wäre, wahrscheinlich ausgeschlossen werden. Allerdings hatte Weigel anlässlich der Sonnenfinsternis im August 1654 mit einer naturwissenschaftlichen Erklärung für dieses Himmelsphänomen, das in der Geschichte lange Zeit als angsteinflößendes Ereigniss galt, von sich reden gemacht. Da Weigel obendrein für sein pädagogisches Geschick und seinen anschaulichen und mitreißenden Stil als akademischer Lehrer bekannt war, könnte es sich bei dem dargestellten Gegenstand vielleicht um ein Modell der Mondkugel handeln, mit der er seinen Studenten den Schattenverlauf während einer Sonnenfinsternis demonstrierte? Solche Modelle sind zu Weigels Zeit beispielsweise aus Pappmaché hergestellt worden.

Die oben gezeigte Abbildung lässt leider keine Details erkennen, die in dieser Hinsicht hilfreich sein könnten. Man muss sich dazu schon das Gemälde selbst anschauen. Ich habe oft und lange vor Exemplaren dieses Gemäldes in Jena gestanden, um Anzeichen zu finden, weilche meine Mond-Vermutung stützen könnten. In der Aula der Universität Jena hängt das Bild sehr hoch, um die Kugel genauer unter die Lupe nehmen zu können. Im Collegium Jenense konnte man eine Zeit lang eine Kopie des Gemäldes näher betrachten. Obwohl es sich dabei lediglich um eine Kopie handelte und es sich hinter den Scheiben einer Vitrine befand, konnte man auf der Kugel des kopierten Gemäldes, insbesondere rechts und links auf der Kugel, kleine strahlenförmig verlaufend gesetzte Markierungen erkennen, wie wir sie auf dem Mond vom Zentrum des Mondkraters Tycho ausgehend kennen.

Dieses Professorenportrait reiht sich eine in eine Serie mehrerer Portraits von Professoren der Universität Jena ein, die der Maler im Jahre 1655 angefertigt hatte. Allen ist das umschreibende Oval charakteristisch, welches für die Darstellung realer Personen bezeichnend ist.


1688

Erhard Weigel, Portrait von 1688, Kupferstich
Erhard Weigel, Portrait von 1688, Kupferstich
Elias Nessenthaler
Quelle: Wikipedia | Lizenz: Gemeinfrei

Der Kupferstich von Elias Nessenthaler mit dem Portrait Erhard Weigels stammt aus dem Jahr 1688 und ist dem 1689 in Jena erschienenen Werk Erhard Weigels Extractio Radicis, oder Wurzl-Zug des so schlechten Christen-Staats … (Digitalisat) als Frontispiz vorangestellt.

Während eines Aufenthalts am Kaiserlichen Hof in Wien hatte Weigel 1687 dem Kaiser einige seiner Erfindungen vorgeführt, seinen Europäischen Wappenhimmel präsentiert und seine Ideen und Vorschläge zur Verbesserung des Schulwesens erläutert. Weigels Bemühungen wurden 1688 mit der Ernennung zum „Kaiserlichen Rat“ gewürdigt und anlässlich dieser Auszeichnung schuf Elias Nessenthaler den bekannten Kupferstich.

Dieses Portrait zeigt Weigel im Alter von 63 Jahren. Im Unterschied zum 1655er Portrait trägt Weigel auf diesem Bild eine Gelehrtenperücke in barocker Pracht und eine Jacke von edlerem Material, das mit seiner samtglänzenden Oberfläche vom Künstler deutlich herausgearbeitet wurde. Überdies fallen die Spitzenstreifen, die inzwischen anstelle des Kragens getragen, vorn geknotet und mit einer Schleife zusammengehalten wurden, sowie die Spitzenmanschetten wesentlich üppiger aus, als gut dreißig Jahre zuvor. Es ist anzunehmen, dass Weigel sich dieses repräsentative Outfit anlässlich seiner Audienz beim Kaiser zugelegt hat, um am Hofe, wo für die Kleider des Hofstaates ausschließlich kostbare Materialien wie Seide, Brokat und Samt zugelassen waren, auch mit einem makellosen äußeren Erscheinungsbild überzeugen zu können, wie es noch heute jeder Business-Knigge empfiehlt.


1909

Ernst Liebermann: Weigel auf dem Dach seines Hauses, 1909
Ernst Liebermann: Weigel auf dem Dach seines Hauses, 1909
Quelle: Kunsthistorisches Seminar und Kustodie der FSU Jena
Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts fertigte der Maler Ernst Liebermann ein Gemälde an, welches Weigel auf dem zu einer astronomischen Beobachtungsplattform ausgebauten Dach seines Hauses abbildet. Die bildliche Darstellung Weigels orientiert sich offenkundig an Richters Weigel-Portrait von 1655. Neben dem Globus, auf den die Aufmerksamkeit der beiden anderen Personen, sicherlich Studenten, Assistenten oder Kollegen Weigels, hat Liebermann im Hintergrund das Collegium Jenense in der anlässlich eines Umbaus 1656 von Weigel veranlassten Gestaltung mit den vier Türmchen auf dem Torgebäude wiedergegeben, wie wir es auch von dem Kupferstich von Johann Dürr kennen, der als Frontispiz in Weigels „Himmelsspiegel“ von 1661 veröffentlicht ist (Digitalisat).

Bei diesem Bild habe ich mich oft gefragt, was für ein Globus darauf abgebildet ist, ob es ein Erd- oder ein Himmelsglobus ist. Da der Globus auf der astronomischen Beobachtungsplattform von Weigels Haus gezeigt wird, müsste es sich vermutlich eher um einen Himmelsglobus handeln, mit dessen Hilfe die anderen abgebildeten Personen vielleicht gerade versuchen, Sternbilder zu identifizieren. Hier hat der Maler aber von seinem Recht der künstlerischen Freiheit Gebrauch gemacht und sich nicht festgelegt.

Viel bemerkenswerter ist ein anderes Detail auf diesem Bild, welches mir hier die Gelegenheit gibt, auf eine der vielen Erfindungen Erhard Weigels hinzuweisen: und zwar die Leiter, deren oberstes Ende rechts unten im Bild aus einer Dachlucke herausragend zu erkennen ist. Während hier eine „gewöhnliche“ Leiter abgebildet ist, war die Leiter, die Weigel an dieser Stelle benutzt hat, etwas spezieller.

Abbildung von Weigels Leiter mit drei Holmen
Abbildung von Weigels Leiter mit drei Holmen,
Quelle: Erhard Weigel, weiland Professor …
von Edmund Spieß, Seite 76 (Digitalisat)

Weigels Leiter besaß nämlich drei Holme, die hier zu sehen sind, anstatt der zwei Holme, die wir gemeinhin bei einer Leiter kennen. (Holme – das sind die von unten nach oben reichenden langen Stangen, an denen die Sprossen befestigt sind.) Bei Weigels Leiter mit ihren drei Holmen waren die Sprossen wechselseitig angeordnet, sodass das Hinauf- und Hinabsteigen leichter erfolgen kann, als auf einer „normalen“ Leiter mit zwei Holmen.

Das hier erkennbare Prinzip der wechselseitig angeordneten Sprossen, bzw. Stufen bei Treppen, findet auch heute noch Anwendung bei Leitern und Treppen, bei denen die zur Verfügungen stehende Grundfläche beispielsweise nur steile Treppen zulässt. So kann ein bequemer und sicherer Auf- und Abstieg gewährleistet werden.


1983

Mein persönliches Highlight unter den Weigel-Portraits ist das jüngste Gemälde, ein Weigel-Portrait des Künstlers Heinz Zander (Ölgemälde und Bleistiftzeichnung) aus dem Jahre 1983. Dieses Gemälde und ebenso die Entwurfszeichnung (Bleistift) befinden sich beide im Bestand des Stadtmuseums Jena.

Weigel-Portrait von Heinz Zander
Weigel-Portrait von Heinz Zander, 1983
Quelle & Lizenz: Sammlung Städtische Museen Jena

Dieses Gemälde ist Bestandteil eines vierteiligen Bilderzyklus, der außer dem Weigel-Portrait noch ein Portrait des Mediziners und Weigel-Zeitgenossen Werner Rolfinck (1599–1673) zeigt, sowie zwei Gemälde zum studentischen Leben im damaligen Jena. Auffällig dabei ist der große Unterschied in der Bildanlage der beiden Portraits. Während das Rolfinck-Portrait im wesentlichen mehr oder weniger „bekannten“ Abbildungen folgt, vermittelt das Weigel-Portrait Zanders einen völlig neuen und höchst modernen Blick auf die Person Weigels.

Was mir dabei persönlich besonders aufgefallen ist: Ich fühlte mich beim Anblick des Gemäldes unmittelbar an ein Portraits des Leipziger Malers Werner Tübke (1929–2004) erinnert, welches den Maler mit einer roten Kopfbedeckung zeigt. Hat Heinz Zander, der auch zur sogenannten Leipziger Schule gezählt wird, mit seinem Weigel-Portrait womöglich auch dem Mitbegründer Werner Tübke dieser Strömung der modernen Malerei ein heimliches Denkmal gesetzt? Beide, Weigel und Tübke verbindet ja, dass sie mit ihrem Werk auch als Lehrer in ihren jeweiligen Künsten maßgeblichen Einfluss hatten. Aber dies ist lediglich eine ganz persönliche Assoziation.


Literatur & Weblinks
Museen in Thüringen – Einzelobjektansicht: Porträt Erhard Weigel.
[zuletzt abgerufen am 15.9.2025]

Digitaler Portraitindex: Bildnis des Erhardvs Weigelivs.
[zuletzt abgerufen am 15.9.2025]

Birgitt Hellmann, Doris Weilandt: Jena musarum salanarum sedes: 450 Jahre Universitätsstadt Jena. Jena 2008, Heinz Zanders Portrait Erhard Weigels auf Seite 17.

Edmund Spieß: Erhard Weigel, weiland Professor der Mathematik und Astronomie zu Jena, der Lehrer von Leibnitz und Pufendorf. Leipzig 1881. (Digitalisat [zuletzt abgerufen am 15.9.2025])


Katharina Habermann