Erhard Weigel Gesellschaft e.V.

Weigel-Kolloquium (Aktuell)

Am 10. Dezember 2011 fand in Jena das 6. Weigel-Kolloquium statt.

Das 6. Weigel-Kolloquium ist eine Gemeinschaftsveranstaltung

der Erhard-Weigel-Gesellschaft,

des Instituts für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik "Ernst-Haeckel-Haus" an der Friedrich-Schiller-Universität Jena

und des Stadtmuseums Jena.

 

Erhard Weigel und die Wissenschaften

Die Entwicklung der Wissenschaften in der Frühen Neuzeit ist ein hochkomplexer Prozess, dem man sich theoretische erst dann nähern kann, wenn man ihn unter verschiedenen Aspekten betrachtet. Die Einzelwissenschaften emanzipieren sich aus kirchlicher Bevormundung und differenzieren sich in einem bisher nicht gekannten Maße aus. Neue Wissenschaften entstehen, altbekannte Wissenschaften werden neu begründet. Stärker als bislang geschehen wird das experimentelle Wissen aufgewertet. Auch die sozialen und kommunikativen Rahmenbedingungen der Wissenschaft ändern sich: Neben den Universitäten erlangen mit der Stärkung der Fürstenmacht auch die Höfe eine zunehmende Bedeutung als Anziehungspunkte für Künstler und Gelehrte; Nationalakademien formieren sich, in denen mit fürstlicher Förderung innovative und anwendungsorientierte Forschung betrieben wird. Nachdem schon die Erfindung des Buchdruckes den gelehrten Informationsaustausch revolutioniert hatte, erlangen neben dem gelehrten Briefwechsel ab dem späten 17. und im 18. Jahrhundert Journale als Medien gelehrter Kommunikation eine wachsende Bedeutung.

Begleitet wird der Prozess der realen Wissenschaftsentwicklung von Reflexionen über den Status und die Funktion der Wissenschaft. Neben dem aristotelischen Verständnis der Wissenschaft als habitus intellectualis, bei dem der subjektive Wissensvollzug im Vordergrund steht, bildet sich im Ramismus unter stoischem Einfluss ein Verständnis der Wissenschaft als System von Sätzen aus, in welchem sich das moderne, objektive Verständnis der Wissenschaft als Gesamtheit von Erkenntnissen, Beobachtungen, Regeln und Sätzen vorbereitet. Eine zunehmende Praxisorientierung der Wissenschaft, durch die das aristotelische Konzept einer um ihrer selbst betriebenen Theoria zunehmend in Frage gestellt wird, äußert sich zum einen in Diskussionen über den Nutzen der Wissenschaft, zum anderen in einem veränderten Erfahrungsbegriff, bei dem an die Stelle der alltäglichen Beobachtung das Experiment als eine durch artefaktische Eingriffe in die natürlichen Abläufe aufbereitete Erfahrung tritt. Die Erfolge in der mathematischen Naturwissenschaft haben auch Rückwirkungen auf die Philosophie und schlagen sich u. a. in mathematikorientierten universalwissenschaftlichen Konzeptionen nieder, welche die Verfahrensweisen und die Gewissheit von Arithmetik und Algebra auch auf außermathematische Zusammenhänge zu übertragen trachten. Der zeitgenössische wissenschaftstheoretische Diskurs wird aber außer durch Mathematik und Naturwissenschaften auch durch älteres Gedankengut beeinflusst, zu dem neben der nach wie vor einflussreichen aristotelischen Schulphilosophie auch esoterische Strömungen wie Hermetismus, Alchemie, Astrologie und Kabbala gehören.

Im Schaffen von Erhard Weigel finden sich zu den genannten Aspekten frühneuzeitlicher Wissenschaftsentwicklung zahlreiche Anknüpfungspunkte. Einige davon wurden in den Vorträgen aufgenommen, wobei philosophische, mathematische, physikalische und astronomische Schriften im Vordergrund der Analysen standen. Besondere Aufmerksamkeit kam den akademischen Disputationen zu. Aber auch dem Weigel-Schüler Georg Albrecht Hamberger und der von Weigel betriebenen Kalenderreform und ihren Folgen wurde Raum gegeben.

 

Programm

Ort der Veranstaltung war der Konferenzraum im Stadtmuseum Jena "Göhre".

 9.00–  9.15         Begrüßung
durch den Vorsitzenden der Erhard-Weigel-Gesellschaft, Dr. Klaus-Dieter Herbst, und durch den Institutsleiter, Prof. Dr. Dr. Olaf Breidbach

 

 9.15–10.05         Dr. Hanspeter Marti
                            Arbeitsstelle für kulturwissenschaftliche
                            Forschungen Engi
                            Die frühneuzeitliche Schuldisputation –
                            Produktionsapparat gelehrten Wissens

10.05–10.55        Dr. Thomas Behme
Freie Universität Berlin
Erhard Weigels Philosophia Mathematica Theologia Naturalis Solida

11.30–12.20        Stefan Kratochwil
Jena

Anmerkungen zu zwei Disputationen von Erhard Weigel über Gravitation

12.20–13.10        Dr. Klaus-Dieter Herbst
Jena
Erhard Weigels Disputation anläßlich der Sonnenfinsternis vom 2./12. August 1654

14.30–15.20        Prof. Dr. Marion Gindhart
Universität Mainz
Erhard Weigels pro-loco-Disputation in Jena über den Kometen von 1652

15.20–16.10        Thomas Krohn
Universität Halle-Wittenberg

Erhard Weigel, Christoph Nothnagel und Tobias Beutel – Welt- und Kometenverständnis in der Mitte des 17. Jahrhunderts

16.30–17.20        PD Dr. Katharina Habermann
Niedersächs. Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen
Die Briefe Georg Albrecht Hambergers im Göttinger Cod. Ms. Philos. 60

17.20–18.10        Dr. Harald Gropp
Universität Heidelberg
Erhard Weigel und „andere Kalenderreformer“

 

18.10–18.15        Dr. Klaus-Dieter Herbst, Schlußwort

 

Kontakt:

Dr. Klaus-Dieter Herbst
Vorsitzender der Erhard-Weigel-Gesellschaft
Brändströmstr. 17
07749 Jena
klaus-dieter-herbst(at)t-online.de

oder

Prof. Dr. Dr. Olaf Breidbach
Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik "Ernst-Haeckel-Haus" der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Berggasse 7
07743 Jena
olaf.breidbach(at)uni-jena.de

 

letzte Aktualisierung: 1.2.2012